Haben Sie es auch schon bemerkt? Haben Sie sie auch schon gesehen? Diese Menschen in der Bahn oder im Park, die Ihnen seit vergangenem Freitag völlig verändert über den Weg laufen? Diese Menschen, die ein komplett neues Lebensgefühl ausstrahlen? Diese Menschen, die die Apple Watch am Handgelenk tragen? Nicht? Sie sind Ihnen nicht aufgefallen? Interessant, mir auch nicht.

Der 24. April 2015. „Sie ist da!“ steht auf der Apple-Website. Wenn es nach der freundlichen Technologie-Firma aus Kalifornien geht, war dieser Tag ein weiterer großer Tag in der Geschichte der digitalen Revolution. Für Alle, die über gesunden Menschenverstand verfügen, war es ein Freitag fast wie jeder andere, schön sonnig auf jeden Fall.

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Die sonst so gerne gefeierte Ausnahmestimmung am Tag der Markteinführung eines neuen Apple-Produkts kam einfach nicht auf. Keine schon Tage zuvor zeltenden iPhone-Fans. Keine euphorischen „Juhuu-schaut-her-ich-bin-der-erste-iPad-Käufer-des-Universums“-Videos auf YouTube. Keine Beiträge hart am Rand zur Schleichwerbung auf allen TV-Kanälen.

Ein Grund dafür: Für die Apple Watch zu zelten, hätte sich nicht gelohnt. Denn wer am Tresen eines Apple Stores „Einmal die Apple Watch, bitte“ verlangen sollte, wird vom Apple-Mitarbeiter nur einen mitleidigen Blick geschenkt bekommen. Die tolle, neue Smartwatch kann man nur online bestellen.

Es gibt die Apple Watch in etwa neununddrölfzig verschiedenen Varianten. Plastikarmband. Silberarmband. Lederarmband. Gehäuse aus Aluminium. Gehäuse aus Edelstahl. Gehäuse aus Gold. Die billigste Variante gibt es für 400 Euro, wer lieber einen Mittelklassewagen am Handgelenk durch die Welt tragen möchte, kauft die teuerste Variante für 18.000 Euro. Lachen oder weinen? Ich weiß es ja auch nicht.

Aktuell wird im Online Store eine Lieferzeit von vier bis sechs Wochen für die Apple Watch angekündigt. Ob daran einfach nur Herstellungs- und Lieferengpässe oder doch die schier riesige Nachfrage nach der neuen Uhr Schuld ist, verrät Apple nicht.

Letzteres darf aber stark angezweifelt werden. Denn was dem „i“-Konzern mit ihrem Smartphone und Tablet stets gelang, haben sie diesmal verfehlt: Die Apple Watch ist schlicht ein Produkt, das unpraktisch ist.

Sie können mit diesem Winz-Bildschirm am Handgelenk Anrufe entgegen nehmen. Sie können Mails lesen. Oder Nachrichten. Naja, zumindest die Schlagzeilen. Mehr passt auf das drei mal drei Zentimeter große Display halt leider nicht drauf. Unpraktisch.

Sie können Ihre neue Wunderwatch auch zum Shoppen nutzen. Zumindest dann, wenn Ihre Körpermaße maximal auf dem Level „Hungermodel“ sind. Denn sonst passiert Ihnen und Ihren Wurstfingern das gleiche wie dem jungen Mann, der in einem YouTube-Video seine tolle, neue Uhr vorstellen will – und versehentlich eine Xbox One bestellt (350 Dollar). Unpraktisch.

Und wenn Sie als Apple-liebender Lifestyler nach dem anstrengenden Arbeitstag abends noch einen Absacker in einer schicken Bar trinken, dann werden Sie in Zukunft wohl noch öfter dort versacken. Denn mit einer Akkulaufzeit von nur 18 Stunden wird Ihre neue Uhr leider ab dem späten Abend ihre ursprünglichste Aufgabe nicht mehr erfüllen können. Unpraktisch.

Wobei, vielleicht muss man an dieses Problem gedanklich einfach nur anders angehen. Hey Apple, ich schenke euch eine neue Werbekampagne. Vermarktet eure tolle Watch doch als super Flirt-Gadget. Der Werbespot: Ein Uhr nachts, eine schicke Bar im Frankfurter Bankenviertel. Junger Typ, Mitte 20, im Anzug, die Krawatte gelockert: „Hey sorry, mein Apple Watch-Akku ist leer – kannst du mir mal sagen, wie viel Uhr wir haben? Und darf ich dir nen Drink ausgeben?“