Immer mehr junge Leute verabschieden sich aus dem sozialen Netzwerk Facebook. Auf den ersten Blick: Kein Kontakt mehr zu alten Schulfreunden, keine Informationen mehr über den aktuellen Beziehungsstatus von Bekannten, keine Geburtstags-Erinnerungen mehr. Doch ein Leben ohne Facebook ist möglich.

Eine Studentenbude irgendwo in Mainz. Philipp und Georg haben sich zum Lernen für die anstehende Klausur getroffen. Jura, Europarecht. Vor ihnen der Schreibtisch mit Gesetzbüchern, Blöcken, ausgedruckten Seiten, Haftnotizen, Stiften. Ihre Aufzeichnungen und Ausdrucke haben die beiden in den letzten Stunden durchgearbeitet.

“Ach übrigens,” meint Georg, “hast du gesehen, bei Facebook gibt es eine Lerngruppe für die Klausur.“ Genauere Infos gäbe es da. Kommilitonen, die mit dem Professor gesprochen hätten. Tipps, welche Teile des Stoffs für die Klausur besonders wichtig seien. Informationen also, für die jeder Student vor einer Klausur dankbar ist. Informationen, die über das soziale Netzwerk an alle Prüflinge weitergegeben werden. An fast alle Prüflinge, denn Philipp antwortet: „Ich bin nicht bei Facebook, wie soll ich die Gruppe gesehen haben?“

Philipp hatte einmal ein Facebook-Konto. Doch das hat er vor rund zwei Jahren gelöscht. Er ist nicht der Einzige. Es gibt immer mehr Nutzer, die sich von dem Netzwerk abmelden. Zwischen Juni 2012 und September 2013 ist die Anzahl der deutschen Nutzer zwischen 16 und 19 Jahren, die Facebook mindestens einmal im Monat nutzen, um 17 Prozent gesunken. Das besagt eine Studie des Londoner Marktforschungsunternehmens GlobalWebIndex.

Philipp entschied sich im Herbst 2012, sein Facebook-Konto zu löschen. Konkreter Grund war eine neue Funktion der Seite, denn damals stellte Facebook die Nutzerprofile von der bisherigen „Pinnwand“ auf die neue „Chronik“ um. Auf den ersten Blick änderte sich nur das Aussehen. Doch viele Nutzer kritisierten, dass alle  ihre veröffentlichten Statusmeldungen und Fotos aus der Vergangenheit nun direkt über Jahreszahlen am Bildschirmrand auffindbar waren. In der alten Darstellungsform hätte man dazu das komplette Profil durchsehen müssen.

Am Anfang versprach Facebook noch, man könne sich zwischen Pinnwand und Chronik entscheiden, erinnert sich Philipp. „Später habe ich mich bei Facebook eingeloggt und auf einmal war die Chronik da.“ Das war ein Punkt, an dem er „Nein“ gesagt habe. „An dem Tag, an dem mein Konto auf die Chronik umgestellt wurde, habe ich mich abgemeldet.“

Ein weiterer Grund, sich abzumelden, war für Philipp die Sorge um seine Daten. Er habe zwar nicht wirklich viel über sich bei Facebook veröffentlicht, aber „diese Datensammlerei“, von der immer wieder zu lesen war, sei ihm trotzdem unangenehm gewesen.

Sorgen um den Datenschutz und Unzufriedenheit mit Facebook – das sind die häufigsten Beweggründe, sich von Facebook zu verabschieden. Eine psychologische Studie der Uni Wien ergab, dass knapp die Hälfte der befragten Facebook-Aussteiger das Netzwerk verließen, weil sie sich um den Datenschutz sorgten. Gut ein Zehntel der Befragten waren generell unzufrieden mit Facebook, so wie Philipp bei der Einführung der Chronik. Andere Nutzer gaben zum Beispiel an, von seichten Unterhaltungen genervt zu sein oder kritisierten, dass Facebook-Freunde keine realen Freunde seien. Auch die Angst vor einer Facebook-Sucht wurde als Ausstiegs-Grund genannt.

Ein weiterer Grund für Philipp: „Manche Postings haben mich einfach genervt. Wenn Leute schreiben, dass sie sich gerade ein Brot schmieren oder wann sie sich wo die Zähne geputzt haben. Das interessiert mich einfach nicht!“ Schon bevor er sich abmeldete, habe er sich die Frage nach dem Sinn seiner Mitgliedschaft gestellt. „Ich habe ja im echten Leben meine Freunde, mit denen ich mich treffe“, sagt er. Außerdem sei es ihm „total egal“, ob ihm 50 Leute zum Geburtstag gratulierten oder nur zehn. Bei Facebook habe man sowieso viele „Freunde“, die einen eigentlich gar nicht interessierten.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Maria Hahn bezeichnet dieses Phänomen als „Störung der sozialen Nähe“. Hahn analysierte für eine Studie mehrere hundert öffentliche Ausstiegs-Meldungen auf der Internetseite „ausgestiegen.com“. Hier konnten Nutzer ihre Abmeldung zwischen 2009 und 2012 in eine öffentliche Liste eintragen.

Die „soziale Nähe“ ist laut Hahns Auswertung der häufigste Ausstiegsgrund: „Entweder gaben die Nutzer an, zu viel soziale Nähe zu spüren. Weil ihnen das Netzwerk viel zu persönlich wurde und sie keine Lust hatten, zu wissen, dass ihre Freunde gerade auf dem Klo waren und was sie zu Mittag gegessen haben.“ Gleichzeitig führe aber auch die Unzufriedenheit in der anderen Richtung zum Ausstieg, zum Beispiel „wenn Nutzer das Gefühl haben, sie seien gar nicht wirklich mit den Leuten verbunden, das sei doch alles gar nicht real“, sagt Hahn. Weitere häufig in der Studie genannten Gründe waren zum Beispiel Zeitverlust, Ablenkung von anderen wichtigen Dingen und auch hier eine spürbare Facebook-Sucht.

Aber wie geht es nach dem erfolgten Ausstieg weiter? Die Anfangszeit ohne digitale Freunde hat bei Philipp ziemliches Durchhaltevermögen gefordert. Besonders schwer waren für ihn die täglichen Busfahrten zur Uni. Vor seiner Abmeldung vertrieb er sich die Fahrzeit mit den Neuigkeiten bei Facebook. „Das war schon ungewohnt, als das plötzlich gefehlt hat“, gibt er zu. Ein bisschen wie Entzug sei es gewesen. Inklusive Rückfall-Gedanken: „Die ersten paar Wochen habe ich schon mit dem Gedanken gespielt, mich wieder anzumelden.“

Die Facebook-Verweigerer bilden nach wie vor eine Minderheit. „Das waren immer Außenseiter“, sagt die Medienpädagogin Marcella Meier. Sie leitet regelmäßig Medienkompetenz-Workshops an Schulen und spricht mit den Jugendlichen über deren Mediennutzung. Die wenigen Schüler, die nicht bei Facebook waren, hätten das immer sehr kleinlaut zugegeben.

Der härteste Konkurrent für Facebook ist die Nachrichten-App „WhatsApp“. Meier glaubt, in den Klassenzimmern einen Trend zu erkennen. Noch vor zwei Jahren seien alle Schüler bei Facebook gewesen, doch inzwischen würden zum Beispiel Sechstklässler Facebook überspringen und gleich zu WhatsApp gehen.

Knapp die Hälfte der Mädchen zwischen 12 und 19 Jahren bezeichnen WhatsApp schon als ihr meistgenutztes soziales Netzwerk, besagt eine Studie der Bauer Media Group. Facebook gaben nur ein Drittel der Befragten als meistgenutzt an. Bei den Jungen sind Facebook und WhatsApp mit jeweils 34 Prozent gleichauf. Auch die Facebook-Macher scheinen diese Entwicklung frühzeitig erkannt zu haben: Im Februar 2014 kauften sie WhatsApp für 19 Milliarden Dollar auf und verleibten sich somit den stärksten Konkurrenten einfach ein.

Dennoch: Laut Marcella Meier löschen die Wenigsten der älteren Schüler ihre Facebook-Identität komplett. „Ich glaube einfach, dass die Angst haben, doch noch etwas zu verpassen. Dass nur die eine Party bei Facebook gepostet wird. Ab und zu checken muss man das schon“, sagt Meier.

Philipp kommt mittlerweile sehr gut ohne Facebook klar. Um mit seinen Freunden zu kommunizieren, braucht er kein Facebook mehr. Einige seiner ehemaligen Mitschüler aus der Grundschulzeit organisieren gerade ein Klassentreffen. Geplant wird dieses über Facebook. Ohne Philipp. Ein ehemaliger Mitschüler habe ihm dann aber eine SMS geschrieben und „versprochen, mich auf dem Laufenden zu halten“, sagt er. „Das finde ich cool, dass es trotzdem funktioniert, dass die Leute einem dann über andere Kanäle Bescheid sagen.“

In der Mainzer Studentenbude hat Georg die Gesetzbücher und Blöcke zur Seite geräumt und stattdessen seinen Laptop auf den Tisch gestellt. Auf dem Bildschirm ist jetzt die blau-weiße Seite von Facebook geöffnet. Er zeigt Philipp die Informationen in der Klausur-Gruppe. Aber Philipp ist gar nicht dankbar für die angeblich so wertvollen Informationen im sozialen Netzwerk. „Was die da schreiben, ist doch das selbe Raten und Vermuten wie sonst! Dies könnte der Dozent fragen und jenes könnte noch dran kommen… Dafür brauche ich wirklich kein Facebook.“